Mai 2013

Heute ist der erste Mai, und so, wie ich mir den 1. Mai vorstelle, zeigt er sich nicht. Das scheinen wir in diesem späten Frühling ja schon gewohnt zu sein. Ich habe da immer noch so eine Kindervorstellung im Kopf: frischgrünes Laub, Schlüsselblumen, Gänseblümchen, Buschwindröschen, blauer Himmel und Sonne. Keine 30, aber auch keine 8 Grad!

Nachdem ich aber nun mal wieder 10 Tage Schweigen und Nachdenken hinter mir habe und 10 Tage lang gehört habe, daß man besser daran tut, die Realität anzunehmen so, wie sie ist, und nicht eine basteln soll so, wie man sie sich vorstellt, sehe ich aus dem Fenster in den neblig-nassen Morgen und ziehe mir gleich Gummistiefel an, um auf dem Tulpenfeld hinterm Haus einen frischen Strauß zu schneiden. Meine Wünsche ans Wetter sind eh sinnlos.

Immer wieder hört man von Menschen, die erfahren, dass man 10 Tage "weg" war und auch noch "nicht reden"durfte, dass sie das nicht aushalten würden. Am letzten Tag darf man ja auch schon wieder sprechen. Und fragt natürlich die eine oder andere Frau, was sie denn zu Vipassana gebracht hat, wie sie denn dazu gekommen ist, nun schon mehrfach solche Kurse zu besuchen und hinterher im "richtigen Leben" täglich eine Stunde am Morgen und eine Stunde am Abend zu meditieren.

Eine sehr lebensfroh erscheinende Frau sagte, als sie das erste Mal gehört habe, daß man 10 Tage schweigen muss, dachte sie „TOLL, endlich mal 10 Tage die Klappe halten!“

Nicht zu reden ist – glaube ich – nicht das Problem. Das Problem könnte sein, daß man dadurch ja alles, was hochkommt in den Gedanken, mit sich selbst ausmachen muss. Und davor könnte man schon manchmal Furcht haben.

"Man" bedenkt ja dann auch sein Leben. Seine Entscheidungen. Seine Wünsche. Seine Hoffnungen. Und seine Fehlentscheidungen. Und so weiter. Und man hat genug Zeit, die schwersten Gedanken zu Ende zu denken. Natürlich macht man auch Pläne, entgegen der Regel "die Wirklichkeit nehmen, so wie sie ist....."

Auch ich habe viel nachgedacht in diesen 10 Tagen, ich hatte ja auch Zeit. Und wenn ich mich dann hinterher mit Menschen austausche und davon erzähle, und den Satz höre „ich hatte nicht so viel Zeit wie du...“, dann kann ich nur sagen „Oh doch, du hattest genau die gleiche „Menge“ an Zeit wie ich. Du hast sie nur anders gefüllt.“ Oder sie WIRD einem anders gefüllt, auch das.

10 Tage lang hatte ich die Gedanken an meine Arbeitsstelle und die Menschen dort ziemlich beiseite geschoben. Ab und zu an Familien gedacht, die ich lieb gewonnen habe. Und nun, wieder zuhause, erfahre ich, was genau diesen Familien passiert ist. Und manches macht mich sehr traurig.

Ich denke immer, daß man Schicksale nicht vergleichen kann und vor allem nicht darf. Wenn der eine ein persönliches oder geschäftliches Problem hat, dann ist das in diesem Moment für ihn einfach wichtig. Daß im gleichen Zeitraum ein Kind um sein Leben kämpft, das ist das Problem dieses Kindes und seiner Familie – aber es wird wohl das Leben eines Fremden nicht tangieren. Jeder hat seinen eigenen Rucksack. Und ich kann nicht bewerten, welche Sorgen größer oder schwerer sind. Ich glaube, das ist individuell. Absolut. Und sehr persönlich.

Momentan lese ich ein Buch von Alois Prinz, „Jesus von Nazareth“. Darin zitiert er aus einem Roman von Dostojewski, in dem es heißt, „das Kampffeld, auf dem Gott und der Teufel miteinander ringen, sind die Herzen der Menschen.“ Genau so ähnlich habe ich das letztes Jahr beim Schweigen auch gedacht. Es gibt nicht DIE Hölle, vor der wir als Kinder gewarnt wurden, vor der uns Kirchenmenschen warnen, in die wir kommen, wenn wir nicht brav sind. Die Hölle machen wir uns in unseren Herzen zu Lebzeiten ganz allein.

Was in diesem Dostojewski-Roman noch steht (ich hab ihn nie gelesen) ist, daß es für die Menschen eine Qual sei, frei zu sein. „Sie werden immer bereit sein, lieber Brot als Freiheit zu wählen. Und sie werden sich immer jenen unterwerfen, die ihnen die Freiheit abnehmen und ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben und was gut und böse ist“.

Wäre ja wohl ein lesenswertes Buch für unsere Politiker? Oder fürs Volk? - Mich macht dieser Auszug sehr neugierig....





Ich geh jetzt in den Nebel. Die Tulpen warten.