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April 2012



10 Tage Schweigen - again.
Fast immer, wenn jemand erfährt, dass ich 10 Tage „zum Schweigen“ gehe, ist die Reaktion die Gleiche: „10 Tage nicht reden, das würde ich nicht aushalten“. Die anschließende Erklärung „das würde mir zu nahe gehen“ oder „das würde mir meine Schutzhülle nehmen“ kann ich sehr gut verstehen. Diese Gefahr besteht.
Und das muss man für sich selbst entscheiden, ob man das zulassen kann oder will oder ob es wirklich besser für einen ist, diesen Versuch nicht zu machen. Respekt vor allen, die diese Grenze für sich erkennen und es dabei belassen.

Nicht zu reden ist – glaube ich – nicht das Problem. Das Problem könnte sein, dass man dadurch ja alles, was hochkommt, mit sich selber ausmachen muss. Und davor könnte man schon manchmal Furcht haben. Das ist richtig und das kann ich völlig nachvollziehen. Die Hölle gibt es nicht nach dem Tod, die machen wir uns bereits zu Lebzeiten selbst. Und durch so manche Hölle könnte man in solchen Tagen auch müssen.

Es ist ja nicht nur das Schweigen, es gibt Kurse, in denen man 20 oder 30 und mehr Tage Schweigen kann. Zusammen mit ca. 80 anderen Menschen gilt auch: kein Blickkontakt, eingebunden in einen strengen Tagesablauf. Untergebracht in Zwei- oder Dreibettzimmern. Kein Buch, keine Musik, kein Handy, kein Fernsehen – während der ganzen Zeit keine Ablenkung durch Medien wie üblich.
Vor Kursbeginn wird alles Wesentliche geregelt: Fenster auf oder zu. Wer geht zuerst ins Bad. Wer schnarcht. Und nach der ersten Meditation am Ankunftstag ist Schweigen Pflicht. Und es ist so angenehm!
Man hält sich an Höflichkeitsregeln, hält sich die Tür gegenseitig auf, drängelt sich nicht vor. Alles ohne „Bitte“ und „Danke“ und ohne „guten Morgen“ und „gute Nacht“. Keiner denkt „so ein Stoffel“, denn ES IST SO. Höflichkeit auch hier, aber wort- und blicklos. Wir floskeln uns doch zu Tode! Ist man vor 60 Jahren denn gestorben weil man nicht alle 30 Minuten irgendwelche Nachrichten um die Ohren bekommen hat? Bei all der Informationsflut, die man heute bekommt, und die angeblich soooo wichtig ist: ändern wir etwas am Geschehen? Oder ändern wir etwas an dem, was bereits geschehen ist?

All diese Stunden sind natürlich auch oder ganz besonders Übungen in Disziplin. Keiner sagt „ach heute geht’s uns schlecht, da lassen wir mal eine Stunde ausfallen“. Man muss schon mal Aushalten lernen. Ganz besonders in den drei Stunden während des Tages, in denen man unbewegt sitzen soll.
Und mir wird deutlich, mit welchem Anspruchsdenken wir unsere Leben gestalten.

Da gibt es Stunden mit unsagbarer Leichtigkeit, gefolgt von Stunden mit niedermetzelnden Schmerzen und Kummer.

Irgendwann habe ich ein ganz starkes Gefühl dafür, WIE ALLEIN doch jeder auf der Welt ist. Gerade hier in einer Gemeinschaft mit 80 Gleichgesinnten (Gleichgesinnt? woher will ich das wissen? Wir schweigen zusammen!): – wie Jeder sein Leben und seine Gedanken mit sich selbst ausmacht. Dabei fällt mir ein, dass ich mal vor vielen Jahren von einem Klinikbesuch heimgefahren bin und an einer Ampel auf einer dreispurigen Straße stand. Und plötzlich wurde mir völlig bewusst: in jedem Auto sitzt ein Mensch, der in einer ganz eigenen Welt lebt. Völlig allein.
Es ist vielleicht das ganze Leben lang so, man bemerkt es nur nicht, weil man sich ja herrlich mit Arbeit, Vergnügen, Sport… ablenken kann. Und vielleicht ist es gerade DAS, was ich an 10 Tagen im Jahr gut finde. Für MICH gut finde! Dieses Alleinsein spüren, den Gedanken nachhängen und die auch mal zu Ende denken. Meine Gefühle und Handlungen hinterfragen, mir im besten Fall auf die Schliche kommen. Manche machen so was an Silvester…..

Egal, ob man in einer guten Partnerschaft lebt oder nicht: allein sind wir im tiefsten Inneren alle. Dabei wird mir deutlich, dass es nichts mit Einsamkeit zu tun hat, es ist ein völlig anderes Gefühl.
Und auch davor kann man Angst haben, weil man im „richtigen Leben“ solche Gefühle doch ganz gern mal unter dem Deckel hält. Vielleicht auch sinnvollerweise unter dem Deckel hält….

Um 4 Uhr früh geht der Gong zum Wecken. Das ist etwas, was für mich so außergewöhnlich ist, und darauf freu ich mich auch. Eine halbe Stunde später geht man langsam durch die frische Morgenluft in die Meditationshalle. Und freut sich schon mal auf das Frühstück um halb sieben, nach 2 Stunden mehr oder weniger stillem Sitzen.

Obschon man immer angehalten ist, sich auf den Atem zu konzentrieren, und dabei Gleichmut zu bewahren, fangen 1000 Gedanken an quer zu schießen. Und sämtliche Leichen im Keller feiern Auferstehung. Hat man das endlich halbwegs überstanden, merkt man, dass man bei der Stunde „entschlossenem Sitzen“ eine Haltung gewählt hat, die genau diese Stunde zum Horrortrip werden lässt. Von wegen Gleichmut und nichts ist beständig…

Für mich selbst ist es gut, zu erfahren, wie einfach und in den Ansprüchen zurückgefahren ich leben kann. „Es ist ja nicht von Dauer…“ – vielleicht spielt das ja auch mit eine Rolle. Und diese Erfahrung schmälert ja nicht die Freude aufs Heimkommen, aufs wieder miteinander reden und leben. Vielleicht macht es MIR mein Leben und all die Vorzüge, die ich genieße, den Umgang mit Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind und die ich liebe, bewusster. Dankbarer dafür? Auch das.